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Jugendbildung und Persönlichkeitsentwicklung

Seit langem ist klar, dass Schul- und Studienabschlüsse, die hauptsächlich Lernleistungen prämieren, nur bedingt als Bildungsnachweise tauglich sind. Zum Thema Jugendbildung, Persönlichkeitsentwicklung und interkulturelle Begegnung im Au-pair-Programm haben wir klassische und aktuelle Bildungsgedanken aufgenommen.

Klassische Bildungsgedanken

Immanuel Kant. Geboren am 22.04. 1724 in Königsberg; gestorben am 12.02.1804 in Königsberg. In seiner Schrift „Über Pädagogik“ präzisiert er die Aufgabe von Bildung, wenn er schreibt:

„Die Pädagogik oder Erziehungslehre ist entweder physisch oder praktisch. […] Die praktische oder moralische ist diejenige, durch die der Mensch soll gebildet werden, damit er wie ein frei handelndes Wesen leben könne. […] Sie ist Erziehung zur Persönlichkeit, Erziehung eines frei handelnden Wesens, das sich selbst erhalten, und in der Gesellschaft ein Glied ausmachen, für sich selbst aber einen innern Wert haben kann.“

Wilhelm von Humboldt. Geboren am 22.06.1767 in Potsdam; gestorben am 08.04.1835 im Schloss Tegel.

Bildung wird von Humboldt definiert als Weg des Individuums zu seiner eigenen, unverwechselbaren Individualität. Bildung ist für Humboldt kein narzistischer Weg, der nach innen führt, sondern nach außen – hin zur Welt.

„Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Thätigkeit (…) steht der Mensch. (…) Da jedoch die blosse Kraft einen Gegenstand braucht, an dem sie sich üben, und die blosse Form, der reine Gedanke, einen Stoff, in dem sie, sich darin ausprägend, fortdauern könnte, so bedarf auch der Mensch einer Welt ausser sich.“

Humboldt versteht also Individualität als innere Formkraft, mit der der Mensch die Welt, mit der er sich auseinandersetzt, in das eigene Wesen verwandelt.

„Bloss weil beides, sein Denken und Handeln nicht anders, als nur vermöge eines Dritten, nur vermöge des Vorstellens und des Bearbeitens von etwas möglich ist, dessen eigentlich unterscheidendes Merkmal es ist, Nichtmensch, d. i. Welt zu seyn, sucht er, soviel Welt, als möglich zu ergreifen, und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden.“
Dabei denkt Humboldt stets an einen Doppelgesichtspunkt.

  • Einerseits prägt der Mensch im Bildungsprozess der Welt seine Form auf: Individualität bedingt eine jeweils spezifische Perspektive auf die Welt.
  • Andererseits ist die Welt der „Stoff“, der die Bewusstseinsinhalte des Individuums in ihrer Gesamtheit hervorbringt: Ein Individuum kann sich selbst nur begreifen, wenn es sich als Gegenüber der Welt begreift.

Insofern ist für Humboldt Ganzes (Welt) und Teil (Individuum) miteinander verbunden. Bildung ist „die Verknüpfung unseres Ichs mit der Welt“, die das Individuum in wechselhafter Ver- und Beschränkung „harmonisch-proportionierlich“ entfaltet und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität führt.

Aktuelle Bildungsgedanken

Wolfgang Klafki gilt als einer der bedeutendsten lebenden Erziehungswissenschaftler der letzten 50 Jahre. Bei seinem Modell der „Kategorialen Bildung“ geht er vom Humboldt’schen Bildungsbegriff aus, so wie er in der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik tradiert wurde.
 

 


Bildung muss heute, so Wolfgang Klafki, als selbsttätig erarbeiteter und personal verantworteter Zusammenhang dreier Grundfähigkeiten verstanden werden:

  • Erstens als Fähigkeit zur Selbstbestimmung jedes einzelnen über seine individuellen Lebensbeziehungen und Sinndeutungen zwischenmenschlicher, beruflicher, ethischer, religiöser Art;
  • Zweitens als Mitbestimmungsfähigkeit; denn jeder Mensch hat Anspruch, Möglichkeit und Mitverantwortung für die Gestaltung unserer gemeinsamen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse; 
  • Drittens als Solidaritätsfähigkeit: denn der eigene Anspruch auf Selbst- und Mitbestimmung kann nur gerechtfertigt werden, wenn er nicht nur mit der Anerkennung, sondern mit dem Einsatz für diejenigen und dem Zusammenschluss mit denjenigen verbunden ist, denen eben solche Selbst- und  Mitbestimmungsmöglichkeiten vorenthalten oder begrenzt werden, sei es durch gesellschaftlichpolitische Verhältnisse, durch wirtschaftliche Unterprivilegierung, durch politische Einschränkung oder Unterdrückungen.

Das Au-pair-Programm als Bildungsalternative
Wer fremde Sprachen spricht gilt seit jeher als gebildet, und das vorrangige Ziel eines Au-pair-Aufenthaltes ist es, die Sprachkenntnisse zu vervollständigen.

Darüber hinaus lernen junge Erwachsene im Ausland andere Mentalitäten und Sichtweisen kennen und entwickeln gerade durch das „Sich-auseinander-setzen“ mit dem Fremden und Neuen eigene Ansichten, eigene Persönlichkeit und Individualität sowie interkulturelle Kompetenz und nicht zuletzt Erfahrungen in lebenspraktischen Dingen.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Bildungswert des Au-pair-Programms sehr viel deutlicher und – ganz klar – auf gar keinen Fall einseitig.